Ein bisschen Kopfrechnen

Aikidō-Übende in Deutschland sind oft überrascht, wenn man ihnen erzählt, dass es in Japan keine Seltenheit ist, nach einem, höchstens zwei Jahren seinen ersten Dan zu erhalten. Diese Überraschung beruht meines Erachtens auf dem Trugschluss, dass in Japan genau so trainiert wird wie in Deutschland.

 

Ein normales Training im Honbu Dōjō dauert eine Stunde. Davon werden 5-10 Minuten fürs Aufwärmen und Gymnastik verwendet, weitere 5-10 Minuten braucht der Lehrer über die Stunde verteilt, um die zu übenden Techniken zu zeigen.

D.h., für das reine Üben stehen ca. 45 Minuten zur Verfügung, die sich zwei Partner teilen müssen.

Obwohl das Ukemi, die Fallschule, auch einen wesentlichen Bestandteil des Trainings darstellt, wollen wir kurz durchrechnen, wieviele Techniken ein Partner pro Trainingseinheit durchführen kann. Abhängig von der Technik, der Geschwindigkeit und dem Rhythmus braucht man vom Angriff bis zum Aufstehen des Partners nach der Technik 5-10 Sekunden. Um ein theoretisches Mindestmaß zu erhalten gehe ich mal von großzügigen 10 Sekunden aus. Einem Partner stehen, konservativ gerechnet, 20 Minuten zur Verfügung. Daraus geht hervor, dass ein Partner pro Trainingseinheit mindestens 120 Mal eine Technik durchführen kann. Nimmt diese Person an zwei Trainingeinheiten pro Tag teil (was keine Seltenheit ist), verdoppelt sich das auf 240 Mal. Bei 4 Trainingstagen pro Woche wären das 960 Ausführungen, bei 200 Trainingstagen im Jahr beläuft sich das auf 48.000 Techniken im Jahr, bei 250 Trainingstagen sogar auf 60.000 (und ich kenne nicht wenige, die es auf soviele Trainingstage im Jahr bringen).

 

Im Vergleich dazu dauert ein durchschnittliches Training in Deutschland 90 Minuten, wobei mindestens 30 Minuten für das Aufwärmtraining, die Gymnastik und das Vorzeigen des Lehrers verwendet werden. Das lässt höchstens 60 Minuten zum Trainieren der Aikidotechniken bzw. 30 Minuten pro Übungspartner. Das Tempo ist (meinem ganz subjektiven Urteil zu Folge) sehr viel langsamer als im Honbu Dōjō, weil viel Zeit für Sprechen und Pausen zwischen den Techniken verwendet wird. 20 Sekunden für eine Technik ist daher gewiss nicht zu viel veranschlagt. Das würde bedeuten, dass ein Partner pro Trainingseinheit 90 Techniken durchführen kann. Bei zwei Trainingstagen pro Woche beliefe sich das auf 9.000 Techniken, bei drei Tagen pro Woche auf 13.500, und bei vier Tagen pro Woche auf 18.000 Techniken im Jahr.

 

Dieser einfache Vergleich, so ungenau und unfair er auch sein mag, veranschaulicht ziemlich klar, warum es im Honbu Dōjō möglich ist, nach ein, höchstens zwei Jahren seinen ersten Dan zu machen, während das in Deutschland durchaus einige Jährchen mehr in Anspruch nimmt. Natürlich sagt diese quantitative Aufstellung auch nichts über die Qualität des Trainings bzw. der Techniken aus. Trotzdem sollte uns klar werden, dass zumindest dieser quantitative Unterschied über die Jahre hinweg akkumuliert. Phi mal Daumen hat ein Mitglied des Honbu Dōjō nach 10 Jahren 300.000 Techniken mehr trainiert als ein jemand in Deutschland. Und das führt ganz natürlich auch zu einer entsprechenden Qualität in der Ausführung der Techniken.

(Autor: Max Seinsch)

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Comments: 2
  • #1

    Allan (Friday, 17 February 2012 12:35)

    Interesting calculations, not the whole story though. If Germany is anything like the UK we attach a lot more to shodan than in Japan. I think this may be historical since we started from none and to get to shodan was a big achievement when there were none.

  • #2

    Max (Friday, 17 February 2012 14:01)

    Allan, thanks for your comment.
    I totally agree that this is not the whole story and it was not my intention to diminish the accomplishments of blackbelts in Europe. The attitude in Japan is also different in that with shodan you are supposed to be able to take decent ukemi without hurting yourself even when training with other blackbelts and that your real training starts from there. Nobody in Japan would imagine to teach classes with shodan or ikkyu.

    Still, I think these calculations have other ramifications for training, too, beyond the period until you can grade for shodan. Practitioners in Japan don't talk as much and don't discuss as much during practice as people in Germany do (I don't know about the UK). Questions get asked after practice, because people are contented to try out whatever the teacher is showing. They have no problem with accepting Aikido practice as a physical workout, they have no problem with sweating. Aikido practice in Japan has a lot of in common with military drills, you become proficient by doing the same techniques over and over again without complaining.

    We Germans have a problem with authority, possibly because of our history, we are not really comfortable with accepting authorities unquestioned. Furthermore, a lot of German practitioners have a problem with accepting Aikido as a sport and as a martial art. Breaking a sweat may still be fine, but who wants to be totally exausted after Aikido practice? Everything has to be harmony and love and nobody wants to hurt anybody, an attitude which already has widespread influence on the way certain techniques are done, e.g. shiho nage. Germans are OK with practicing the same technique twenty times but cannot imagine doing it a hundred times. The whole idea of quasi-military drill is suspect.

    I know I'm exaggerating, but I'm still convinced that the numbers above are an indicator as well as a result of these differences.